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Auch in den Bremer Wallanlagen ist der Herbst eingezogen.
Das Bremer Rathaus wurde zwischen 1404 und 1410 im Stile der norddeutschen Gotik gebaut und 2004 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.
„Man muss in die Welt hinausgehen, um nach Hause kommen zu können.“ Dachte immer, dieses Zitat wäre von Wilhelm von Humboldt, aber das Internetz sagt, es sei von Hermann Hesse. Jedenfalls hat er recht. Nie hätte ich gedacht, dass ich mal gerne nach Deutschland kommen würde, doch hat die sogenannte Deutsche Schule Villa General Belgrano in der argentinischen Provinz Córdoba ihren entscheidenden Teil dazu beigetragen. So schnell werde ich nicht wieder ins Ausland gehen, hier alles und alle aufgeben und mich Hals über Kopf ins Ungewisse stürzen…aber eigentlich tue ich dies momentan fast täglich. Doch Eins nach dem Anderen.
Am Montag, dem 27.10.25, fahre ich morgens nach Aachen Laurensberg, um meine ehemalige Schule zu besuchen. Am Anne-Frank-Gymnasium habe ich zehn Jahre gearbeitet, dort viele gegeben und entsprechend Spuren hinterlassen. Um 10.45h läuft die große Pause und im Pausenzentrum laufen mir Lehrkräfte und Schüler*innen aus den Internationalen Förderklassen, meinem Spanischkurs der Jahrgangsstufe zehn und elf, der Bienen AG und der Basketballschulmannschaften über den Weg. Die Freude ist bei allen Beteiligten groß. Nora, Jan, George, Jenny, Wolfgang, Holger, Lina, Eva, Guido, Marion, Janine, Marco, Katrin, Vanessa, Johannes, die Schulleiter und Sarah, Ailin, Kilian, Kassian, Ediz, Mattis, Masroor, Gabriela, Leen, Harwin, Vivien, Amelie, Noah, Nirco, Elián, Beat…viele sind gewachsen und gereift, aber vor allem dominiert die Wiedersehensfreude. Mir wird bewusst, wie sehr ich sie vermisst habe. Es ist schön, akzeptiert, gesehen und gemocht zu werden. Lange sitze ich zuerst auf der dritten Etage und unterhalte mich mit Schüler*innen, dann im Sekretariat und genieße die Zeit mit Uschi und Marion, und schließlich mit Ilona und Udo. Die meisten der Bäume, die ich mit Lernenden zusammen gepflanzt habe, stehen und gedeihen. Schweren Herzens reiße ich mich los und flitze zur ersten Wohnungsbesichtigung in Köln Klettenberg. 36m2, ein Zimmer, Kochnische mit Fenster, Diele, Bad mit Fenster, Terrasse und zwei Gärten für €720 warm. Ja, die Zeiten und Preise haben sich geändert. Als ich in meine Neuehrenfelder Wohnung am Takuplatz einzog (48m2, ein Zimmer, Wohnküche, Diele, Bad, Dachterrasse, Keller & Speicher, Waschküche) habe ich 600 DM warm gezahlt. Das war 2001. Selbst in Aachen habe ich für die zwei 70m2, Zimmer, Kochnische, Diele, Bad, Dachterrasse am Ende nur €680 warm gezahlt…und über das freistehende Haus mit Garten, Pool, Waschküche, Anbau mit zwei Zimmern & Gästebad, Carport, Hinterhof mit Feuerstelle und Orangenbaum für €600 warm sprechen wir lieber nicht.
Am Dienstag, dem 28.10.25, besuche ich zum ersten Mal meine neue Schule, das Gymnasium der Stadt Frechen. Der Schulleiter gibt mir jede Menge Informationen und führt mich über das Schulgrundstück. Ich weiß nicht, ob es an die Laurensberger 40.000m2 herankommt (es ist definitiv nicht so grün und frei), aber es gibt viel mehr Gebäude: G-, E-, C-Trakt…die Schülerzahl ist schneller gewachsen als die Gebäude, doch letztere holen auf. Die Dreifachsporthalle ist schon fertig, der Naturwissenschaftstrakt mit Mensa auch, und das Erprobungsstufengebäude und ein weiteres schießen aus dem Boden, dass Mensch zugucken kann. 117 Lehrkräfte arbeiten hier und betreuen mittlerweile 1500 Lernende. Es gibt zwei Lehrer*innenzimmer und viele Fahrradstellplätze. Es herrscht Handyverbot: Morgens müssen die Smartphones in abschließbare Taschen verstaut werden und dürfen erst nachmittags wieder entsperrt werden. Genial! Alles Klassenräume, die ich bisher gesehen habe, verfügen über Smartboards mit Whiteboards an beiden Seiten. Hierfür gibt’s wiederbefüllbare Wachsmalstifte (statt lösungsmittelhaltigen Einweg-Whiteboardmarkern). Insgesamt besuchen 45 Lernende die Internationalen Vorbereitungsklassen (IVK). Ich schätze, die größte Gruppe stammt aus der Ukraine, gefolgt von der Türkei und Indien, aber auch Afghanistan, Bangladesch, China, Kurdistan, Albanien, Moldawien, Brasilien, Syrien, Kosovo und Angola sind vertreten. Momentan sind fünf Lehrende in Deutsch als Zielsprache eingesetzt. Das Niveau bewegt sich zwischen A1 (absolute Beginner) und B1 (Fortgeschrittene). Im Lehrerzimmer erkennen mich 2-3 Menschen wieder (eine Mitstreiterin aus dem Referendariat aus Leichlingen an der Wupper, ein Kölner Basketballer). Die Schulleitung beschließt, dass ich die ersten zwei Wochen in den IVKs mitlaufe und wir dann weitersehen. Zunächst also kein Englisch und Spanisch, montags bis mittwochs erst um 9.45h und freitags frei. Ich kann mein Glück kaum fassen!
Nach der Schule fahre ich weiter nach Bremen. Auch hier ist die Wiedersehensfreude groß, als meine Mutter und ich uns in den Armen liegen. Stundenlang unterhalten wir uns bis spät in die Nacht, schmieden Pläne. In Bremen ist es nie langweilig, weil es immer viel zu tun gibt: Äpfel pflücken, meine Cousine Sabine besuchen, mit dem Rad an der Weser entlang in die Altstadt fahren, ins Museum gehen (habe doch in der Bremer Kunsthalle glatt eine Lichtinstallation von James Turrell entdeckt, meine Mutter dafür begeistern können und den Museumsshop geplündert), Geschenke austauschen, Mamas neuen PC einrichten, durch’s Steintor bummeln und ein neues, großartiges vietnamesisches Restaurant in Pusdorf ausprobieren. Die Zeit vergeht wie im Fluge und plötzlich ist schon Freitag. Zwar kenne ich in Bremen kaum noch Straßennamen und doch sind unendlich viele Ecken mit Puzzleteilen meines Lebens verbunden. Niemals geht man so ganz…
Ich starte morgens um 9h, denn im Internet habe ich einen VW-Bus gefunden, den ich mir anschauen möchte. Baujahr 2010, T6.1, 2.0l, 150PS, Allradantrieb, Automatik, Standheizung, Anhängerkupplung, zwei Schiebetüren, keine Fenster hinten, 125.000Km gelaufen, weiß…und bezahlbar. Allerdings steht dieser in Schweinfurt. Also fahre ich von Bremen nach Franken, verliebe mich in den Bulli, lasse eine Anzahlung da und fahre zurück nach Köln. Kleine Deutschlandrundfahrt.
Am Samstag gehe ich mit Leander, Jörgs Sohn, in Ehrenfeld in die Kletterfabrik. Er ist begeistert, wissbegierig und wir reden viel miteinander. Ich merke, dass meine Kletterkondition dahin ist. In Argentinien war ich einmal bouldern und zweimal am Fels klettern. Zwar war ich während des Heimaturlaubs viermal klettern bzw. bouldern, aber die Muskeln, die für’s Klettern gebraucht werden, braucht Mensch höchstens noch beim Pizzateigkneten…immerhin klettern wir. Zuhause bei Carla versuche ich, den Papierkram zu erledigen (Versicherungen und Vermietende kontaktieren).
Nicht alle Menschen freuen sich jedoch, dass ich wieder in Deutschland bin. Im Alpenverein werde ich von Veranstaltungen ausgeladen und auch aus meiner Aachener Boudergruppe fliege ich raus. Tja, doofe Menschen gibt’s eben überall. Oder bin ich der Doofmann? Besonders nach den Tiefschlägen in Argentinien spüre ich, wie mir die Zurückweisungen wehtun. Hätte ich vielleicht doch nach Bayern ziehen sollen, anstatt im Rheinland Gespenstern der Vergangenheit nachzujagen? In meine alten Leben kann ich nicht zurück. Bremen, Aachen, Köln. Die Straßen, Geschäfte, Flüsse und Kathedralen wecken Erinnerungen, doch die Menschen haben sich natürlich umorientiert, ihr Leben gelebt und ohne mich geplant, Kinder bekommen, neue Freundschaften geschlossen oder Beziehungen begonnen und Häuser gebaut oder sind im Urlaub oder weggezogen. Andere sind vielleicht auch enttäuscht oder verletzt, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Wieder andere fühlen sich per se unwohl in meiner Gegenwart. „Man kann nicht zweimal durch denselben Fluss gehen.“ Es ist schon paradox, hier zu sein, denn es ist eben anders, die Menschen sind anders und ich bin anders. Insofern ist Frechen eine gute Chance, ein neues Leben anzufangen. Leben heißt Veränderung. Alles, was sich nicht mehr verändert, ist tot. Dennoch fällt es mir schwer, loszulassen. „Auf zu neuen Abenteuern!“, ist mein neues Mantra, das ich mir morgens sage.
25‘ dauert mein Schulweg mit dem Rad von Lindenthal nach Frechen. Heute habe ich meinen Schulweg schon etwas verbessern können. Anstatt über die dichtbefahrene Dürener Straße bin ich ein Stück über die Bachemer Straße gefahren. Dann lädt der Grüngürtel am Militärring zu einem Abstecher durch den Wald ein. Nervig sind die vielen Ampeln! In Villa General Belgrano gibt’s ja gar keine, so dass der Kulturschock groß ist. Auch das Rauschen der A4 ist ungewohnt. Dafür gibt’s keine streunenden Hunde und viel weniger (frisierte) Motorräder.
Morgen geht’s auf Fortbildung von der Bezirksregierung: „Klettern im Sportunterricht“. Die Dozentin ist Astrid, eine Aachener Kletterfreundin, deren Sohn mal kurz in meiner Klettergruppe war. Das wird nett! Nebenbei noch das Auto bezahlen, versichern, anmelden und am Samstag abholen…Alles nimmt Formen an!
An meinem ersten Arbeitstag ist morgens auf der Dürener Straße gefühlt grüne Welle, die Sonne scheint und der weiße Nebel liegt noch in den Wiesen des Grüngürtels.
Und wenn Carlas Tochter mit Familie zu Besuch kommt, fällt schon mal eine Waffel mit heißen Himbeeren und Eis für den Gast ab. :-P
...an anderen Orten ist es düster (wie hier das Müngersdorfer Stadion).
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